Hidden Distance
Streifzüge durchs Leben kurz notiert...
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7. August 2006

Love Motels oder eine Nacht im “Hilton”

Mal ein etwas anderes Thema: Was macht ein junges koreanisches Pärchen, nehmen wir mal an sie sind im ersten oder zweiten Unijahr, schwer verliebt, wenn sie sich mehr als nur Händchen halten möchten?

Gedankengänge

Erster Gedanke: Sie übernachten zusammen im Wohnheim… — falsch gedacht. In koreanischen Wohnheimen existiert eine strikte Geschlechtertrennung und wer sich nicht daran hält muss sich eine andere Unterkunft suchen. Auch zwangsweise wie einige ausländische Studenten erfahren mussten, die aus dem Wohnheim geflogen sind… (Weshalb? Videoüberwachung ist kein Fremdwort und Wächter, die eben die digitalen Aufzeichnungen durchschauen)

Zweiter Gedanke: Na dann übernachten sie halt zuhause… — uh, absolutes No-Go. Wer seine Freundin der Familie vorstellt, der gibt zu, dass es was ernstes und/oder längerfristiges ist (Ehe zumeist inklusive). Außerdem darf das Paar auf keinen Fall alleine in einem (evtl. abgeschlossenem) Zimmer übernachten. Wohl denjenigen, der alleine wohnen darf.
Dies ist aber in Seoul ein mittelschweres Unterfangen. An erster Stelle steht da natürlich der Kostenfaktor. Wer zahlt schon gerne 400 Euro monatlich aufwärts für eine (im wörtlichen Sinn) Bruchbude in der Nähe der Uni? An zweiter Stelle steht da natürlich der Geschwisterfaktor. Hat man einen älteren Bruder / Schwester, deren Pflicht es ist die UntergebenenGeschwister zu beschützen vor Unheil zu bewahren, kann man es sich gleich abschminken eine(n) Freund(in) mitzubringen. Sind diese beiden Hürden genommen muss man immer noch die Eltern überzeugen, dass man fähig ist alleine zu leben. Hinweise wie “Du bist doch erst 21. Wie möchtest du denn dein Essen selbst kochen?” fänden viele europäische Studenten sehr witzig, aber für einige Koreaner ist das noch harter Alltag!
Das Glück sei mit dem, der eine sehr westlich orientierte Familie hat, die einem mehr Freiheiten einräumt als sie sich ein Durchschnittskoreaner erträumen könnte.

Hirschi in Korea

Dritter Gedanke: Nimm ein Hotel. Bingo! Diese kleinen Motels oder Herbergen (여관) sammeln sich in der Nähe von größeren Unis, alternativ in der Nähe von Vergnügungsvierteln (Gangnam, Sincheon) oder in der Nähe von bekannten Einkaufsvierteln (Myongdong, Dongdaemun). Als kleines Zuckerl lässt man sich dann auch noch eine Ausrede1 einfallen um die Eltern oder Geschwister zu überzeugen, dass man nix schlechtes im Sinn hat…

Hirschi in Korea

Die Realität

Preis.
Anam ist günstiger als Chonggu und Sinchon ist günstiger als Gangnam. Je nach Stadtteil muss man unterschiedlich hohe Preise bezahlen, wobei natürlich die upscale Wohn- und Partyviertel wesentlich teurer sind als zweitrangige Locations. Beispielrechung: In Gangnam kostet das Love-Motel im Schnitt 40.000 Won (33 Euro) mit Ausreissern bis 60.000 Won (50 Euro) pro Nacht. Unter 40.000 findet man nichts, bzw. man wird mit dem Kommentar abgespeist: “Hier in Gangnam kosten alle mindestens 40.000″. In Anam (Korea University) beginnt die Nacht bei 20.000 (16 Euro) unter einem Dach, wobei die meisten 25000 Won (20 Euro) verlangen. Ein Motel will 30.000 Won (25 Euro) bietet dafür aber auch gehobenen Komfort. Mal ganz davon abgesehen, dass sich das ganz schön läppern kann, wenn man einmal pro Woche “aus-schläft” ;) Hirschi in KoreaDie Besitzer verdienen sich daran übrigens ne goldene Nase… Umgerechnet 15000 Euro Umsatz macht ein kleines Motel pro Monat (in der Nähe von Anam). Abzüglich aller Kosten bleiben da sicherlich mehr als 10000 Euro hängen (meine Schätzung, vorausgesetzt dem Besitzer gehört das Gebäude)

Ausstattung.
Für gewöhnlich erhält man ein Zimmer mit einem Bett, einem Fernseher, einen Kühlschrank mit zwei Getränken, zwei Gläsern und Wasser. An das Zimmer grenzt ein privates Bad mit WC. Man kann also die Nacht ganz alleine verbringen ohne das Zimmer zu verlassen. Die Größe des Zimmers korelliert mit dem Preis.
Für 20000 Won bekommt man grob 8qm einschließlich WC, Bad und Bett. Hirschi in KoreaMan kann sich das in etwa so vorstellen wie ein Zimmer, dass von einem Bett ausgefüllt wird und links wie auch vorne hat man gerade soviel Platz um sich umzudrehen. Unter Klaustrophobie wie auch einem ausgeprägten Sauberkeitswahn darf man nicht leiden. Im Bad sammelt sich in den Ecken und Fugen schon mal Schimmel, sonstige Rückstände der vorherigen Benutzer sind aber nicht sichtbar. Vermuten würde ich sie aber mal – nur vorsichtshalber. Sonst ist das Zimmer aber sauber. Nicht-Raucher werden gelegentlich ihre Probleme haben, wenn sie den Dunst ihrer Vorgänger noch in der Nase haben… Nebenstehender Grundrissplan zeigt die knappen Raumverhältnisse.

Hirschi in Korea

In der “25000 Won”-Klasse wird es etwas besser. Die Zimmer sind größer, der Fernseher ebenso (von 21″ auf 33″). Der Geruch bleibt und gereinigt wird nur marginal besser.

Ab 30000 Won werden die Zimmer signifikant größer und der allgemeine Raumzustand ist deutlich besser. Man kann sich auf ein Motel mit mittlerer Ausstattung gefasst machen. Die Getränke sind schmackhafter (nicht das eklige “Fiber”), man bekommt nun originalverschlossenes Wasser, vier statt zwei Handtücher und ein sauberes Bad. Aus dem Grund lautet meine Empfehlung fast immer “Motel” außer man ist knapp bei Kasse. Dazu oft Instant-Kaffee, das Bad hat nicht nur Schampoo und herkömmliche Seife sondern auch “Bodysoap” und Haarspülung!

Über 40000 Won sind die Unterschiede nur noch marginal. Aufzug statt Treppe; internetfähiger Computer; Duschbrause mit Massagefunktion…

Mein Favorit…
… ist das Hilton Motel in Anam. Sauber, aufgeräumt, nette Rezeption, vier Getränke im Kühlschrank, Instant-Kaffee, internetfähiger Computer, Klimaanlage und Ventilator. Für unschlagbare 30000 Won. Ein Schnäppchen für den gebotenen Service. Hirschi in KoreaDas Hotel ist übrigens nicht in der bekannten Hilton Hotel Gruppe ;) Alle Bilder (nicht der Grundrissplan) wurden in diesem Motel fotografiert. Wie kommt man zu diesem netten Motel? Ab Korea University Haupttor: Die Strasse überqueren und nach rechts Richtung Anam Station gehen. Nur wenige Meter weiter sollte man das obige Schildchen entdecken. Links in die Seitenstraße hinein und vor einem befindet sich zur linken Hand das “Hilton”. Das letzte Bild zu diesem Beitrag zeigt das Schild und die Seitenstraße – links hinten, wo der grüne Bus gerade vorbei fährt befindet sich das Haupttor.

Weitere Verwendungsmöglichkeiten…

Neben oben geschilderter Verwendungsmöglichkeit existieren natürlich auch noch weitere. Hier nur ein kurzer Auszug: Günstige Übernachtungsmöglichkeit, falls man auf Reisen ist; Schlafstätte, wenn man nicht mehr nach Hause gehen kann oder die letzte U-Bahn verpasst hat; Ort, an dem man mit seinen Freunden die ganze Nacht trinken und feiern kann ohne dann aufzuräumen;

Wie finde ich ein Motel

Hirschi in KoreaGanz einfach man hält Ausschau nach diesem Zeichen in Kombination mit folgenden zwei koreanischer Wörtern. Bei Nacht sind die Gebäude oft mit Neonlichtketten geschmückt und die großformatigen Schilder über den Eingängen kann man kaum übersehen.

Hirschi in Korea

[1] Das menschliche Gehirn neigt oft zu fantastischen Leistungen wenn es um Sex geht… das sollte man sich erst mal vor Augen halten: Keine billigen Ausreden wie “Mammmmmi, wir gehen heute einen trinken. Ich komm morgen.” Nein, da wird mittels CD das Hintergrundgeräusch einer Bar imitiert und man spricht in angetrunkener Stimme: “Zuviel Alkohol – schlafe bei {Name der besten Freundin}” oder “{Zweitbeste Freundin} und wir gehen in die 24h Sauna, weil letzte U-Bahn verpasst”.

[*] Entschuldigt die Ironie, die in diesem Artikel stellenweise das Licht erblickt, aber ich finde die Art und Weise wie die koreanische Gesellschaft, vor allem die älteren Generationen, mit diesem Thema umgehen höchst amüsant.

Mehr Bilder zum Thema Love-Motel…

Permalink — Kategorie: Korea — Tags: , — Hirschi @ 10:55 — Kommentare (0)

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